Stress und seine überraschenden Wirkungen

Vor Kurzem fand ich in der Literatur Beschreibungen von Stress-Auswirkungen, die so gar nicht in das Raster "Achtung! Vorsicht, Stress! Ist gefährlich!" passten.

Haben Sie z.B. am frühen Morgen den Wecker überhört, waren dadurch in höchster Eile, wobei Sie sich nebenbei noch den Kaffee über die Hose gegossen haben, sind zur Bahn geeilt, die aber blöderweise zwischen zwei Haltestellen hängen- und stehenblieb, wobei Sie doch diesen unglaublich wichtigen Termin hatten....
Der Blutdruck ist gestiegen, Sie fühlen den Puls an den Schläfen pochen und merken, dass Sie beginnen zu schwitzen - jetzt dürfen Sie sich glücklich schätzen: Sie tun Ihrer Gesundheit etwas Gutes. Ja, wirklich - das ist so anders als all die Ratgeber zum Thema Achtsamkeit und Stress empfehlen. Sie aktivieren und trainieren Ihr Immunsystem, beugen Alzheimer vor, schützen sich vor Hautkrebs und beschleunigen die Heilung von Verletzungen. Genaugenommen durchlaufen Sie gerade ein Wellnessprogramm, da Sie ja im Stress sind!
Das Image von Stress ist äusserst schlecht, die Mehrheit ( 62% ) wünscht sich ein stressfreieres Leben, ihn loszuwerden ist ganz oben auf dem Wunschzettel. Sogar die WHO hat Stress zu "einer der grössten Gefahren des 21. Jahrhunderts" erklärt.
Ein Professor für Psychiatrie an der Stanford University ist dabei, Stress zu rehabilitieren. Firdaus Dhabar meint: "Mutter Natur gab uns die Stressreaktion, um uns zu helfen, nicht um uns zu töten!" In einem Experiment stresste er Labormäuse bevor er sie intensiv bestrahlte, um gezielt Krebs auszulösen. Die gestressten Mäuse entwickelten im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich später Tumore, sie waren auch seltener betroffen. Akuter Stress als Schutzmechanismus?
Das Phänomen Stress benötigt genauere Betrachtung - Stress ist nicht gleich Stress. Es kommt darauf an, wie lange Stress andauert, wie das Individuum ihn bewertet, und wie es mit ihm umgeht. Unbestritten ist, dass ein Leben in pausenloser Hetze und Anspannung – also im Langzeitstress – der Gesundheit nicht zuträglich ist. Dauert Stress jedoch eine überschaubare Zeit an, dann – so hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren festgestellt – lassen sich plötzlich ganz andere Wahrheiten über ihn herausfinden.
Kurzzeitiger Stress erhöht die Zunahme von weissen Blutkörperchen, was wiederum die Immunreaktion z.B. während einer Operation stärkt.  Studien an Zebrafischen, Mäusen sowie menschlichen Gewebeproben ergaben, dass sich »zelluläre Schutzantworten«  durch stressige Belastungen auslösen lassen. Christoph Englert, Professor für Molekulare Genetik: "Wenn Sie etwa Fliegen oder Mäuse unter Stress setzen, leben sie länger."  In Massen, wie gesagt. Die Forschung geht heute so weit zu sagen, dass es keine Evolution gegeben hätte, wenn die ersten Einzeller und ihre Nachfolger nicht regelmässig in Stress geraten wären, um ihr Überleben zu garantieren. Auch Darwin meinte, dass die Umwelt uns Lebewesen täglich herausfordert, uns also Tag für Tag unter Druck setzt. Und diejenigen überleben und pflanzen sich fort, die am besten auf Bedrohungen reagieren. Vielleicht wird es Zeit, Stress wieder anders zu bewerten, ihn genauer, differenzierter zu sehen, und ihn nicht per se zu verteufeln.