Zorn - eine ungeliebte Emotion

Verstehen

Fühlen wir uns subjektiv bedroht, springt das Notfallsystem in unserem Gehirn an. Die Informationen gelangen blitzschnell ins limbische System. Die kontrollierende und vernunftorientierte Grosshirnrinde wird umgangen. Kommt dieses System zu dem Schluss, dass eine ernste Bedrohung vorliegt, schaltet sie den hemmenden Hirnbereich aus und übernimmt die Regie. Das Alarmsystem des Körpers wird aktiviert. Wir werden hoch emotional und können manchmal platzen vor Wut.
Merkmale/Charakter 
Im Alarmzustand werden die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, der Herzschlag wird beschleunigt, Blutdruck und Muskeltonus steigen. Das Blut wird umverteilt – raus aus dem Verdauungstrakt, rein in die Muskeln. Und das macht ja auch Sinn.  Denn unser Körper muss gleich entweder um sein Leben rennen oder darum kämpfen. Langfristig kann sich dadurch allerdings das Herzinfarktrisiko verdoppeln. 
Weil Zorn über einen kurzen Schaltkreis im Hirn ausgelöst wird, ist er eine der schnellsten Emotionen. 
Zweck 
Wenn Zorn als Gefühl da ist, steuert er unsere Handlungsabläufe. Zweck des Zorns ist immer die Beseitigung eines Hindernisses. Und hier liegt die Gefahr: Zorn provoziert neuen Zorn, und er kann schnell in Gewalt umschlagen. Häufig treten Angst und Zorn unter derselben Bedrohung auf, aber Zorn mindert die Angst und setzt Energien frei. Und wir handeln so wie wir sonst nicht handeln würden.
Konsequenzen 
Zorn hat kein gutes Image – seine Nähe zur Gewalt wird von den anderen als bedrohlich erlebt.  In aller Öffentlichkeit auszurasten, gilt als Charakterschwäche. So zeigte sich in Untersuchungen, dass schon zornige Kinder die Achtung ihrer Altersgenossen verlieren. 
Zorn kann hilfreich sein
Ist es nun besser, dem Zorn nachzugeben oder ihn zu unterdrücken? Psychologen sind sich bis heute uneins, ob ausgelebter Zorn zu einer inneren Reinigung führt oder nicht. So viel ist klar: langfristig angestauter oder unterdrückter Ärger schadet uns, weil Stresshormone ausgeschüttet werden und das limbische System daueraktiv ist. 
Studien zeigten, dass langfristig unterdrückter Zorn häufiger zu destruktivem Bewältigungsverhalten wie Drogenkonsum oder Aggression führte. Zudem war die Wahrscheinlichkeit einer Depression erhöht. 
Das Auftreten von Zorn ist allerdings auch ein Signal: es muss etwas geändert werden. Zorn kann also zu einer wichtigen Quelle werden, wenn wir erkennen, was in uns unberücksichtigt geblieben ist. Gandhi zu diesem Thema: “Wie gespeicherte Hitze in Energie umgewandelt werden kann, so kann auch kontrollierter Zorn in eine Kraft verwandelt werden, die die Welt bewegen kann“.

Achtsamkeit und Emotionen


Es gibt verschiedene achtsame Wege: 
  • wir steigen aus dem Handeln, Reden oder Angreifen aus und fokussieren einfach auf den Atem. Nicht verändern, ihn erleben, wie er gerade ein und ausgeht, in welcher Intensität, welchem Rhythmus. Mehr nicht. Dabei bleiben und warten. Bis unser Grosshirn wieder übernehmen kann.
  • wir nehmen die Position des inneren Betrachters ein, der konkret und gleichzeitig unbeteiligt konstatiert: Ich ärgere mich jetzt über X oder Y.          »Ich darf mich jetzt nicht ärgern« oder »Ich bleibe ganz ruhig« haben sehr oft den gegenteiligen Effekt und entfachen den Ärger in uns nur noch mehr. Wohingegen die bloße Feststellung »Ich ärgere mich jetzt« eine beruhigende Distanz zu sich selbst schaffen kann.
  • mit zunehmender Übung kann das Hinwenden zur augenblicklichen Emotion der hilfreichste Weg sein. Eine kurze Auszeit, ein Innehalten: wir verweilen mit dem Gefühl wie es ist, verurteilen es nicht, holen es zu uns und erkunden, wie es sich auf uns auswirkt. Auf unsere körperlichen Empfindungen, auf unsere Gedanken- und Gefühlswelt. Wir werden zu Forschern in eigener Sache, aber nicht um das Gefühl weg zu bekommen oder etwas an uns zu verändern. Wir realisieren, wer wir gerade in diesem Moment sind, ohne Ablehnung - mit Hinwendung.



Bei der Achtsamkeit ist Entspannung ein Nebenprodukt, das primär nicht das Ziel ist. Es bedarf einiger Zeit und auch einiger Übung, um Achtsamkeit zu erlernen und in sein Leben zu integrieren. Es ist mehr als nur eine Entspannungsmethode – es ist eine Grundhaltung dem Leben gegenüber.