Zeit für sich



„Das um-sich-kümmern ist im Trend“, sagt eine Werbe-Expertin.  „Heute heißt es Spa-Bäder statt Spaß-Bäder und Wellness-Urlaube statt Action-Trips.“ Nur zeigen die entsprechenden Angebote von Offline-Hostels und Kloster-Wochen, dass es dabei nicht nur um das Wohl des Körpers geht, sondern um das des Geistes. Klar und konzentriert soll er sein, ist er doch das Kapital von heute.
Was auch immer beliebter wird, um innezuhalten und sich selbst wahrzunehmen, sind technische Hilfsmittel. Apps zum Meditieren. Dabei lenken doch gerade die Smartphones so sehr vom Achtsam-sein ab. Ein Blinken hier, eine Push-Nachricht da, ständig empfangen wir Reize und reagieren sofort darauf. Von der „Head- down-Generation“ ist die Rede. Weil manche Menschen nicht mehr ohne ihren Onlinestatus leben können, gibt es in den USA seit zwei Jahren „Digital Detox Camps“, in Deutschland fand eine solche Kur zur digitalen Entgiftung im vergangenen Jahr zum ersten Mal statt.

Ver-Rückt: Glücksgefühle bei jedem neuen Reiz
Etwas zu tun, ohne es wirklich zu tun, nennen Psychologen „Mind Wandering“. Für den Menschen ist dieser wandelnde Geist mit ständigen Glücksgefühlen verbunden. Flackert eine Nachricht auf oder „gefällt“ jemandem das neue Bild auf Facebook, schüttet unser Gehirn Dopamin aus, das Hormon, das auch beim Sport, bei Drogen und Sex produziert wird. Wir fühlen uns belohnt, bestätigt, wollen mehr. Da ist nicht nur die Neugier, wenn wir über das Display wischen. Da ist auch der große Wunsch nach sozialer Rückversicherung für unser Tun.
Für den Zukunftsforscher Horx ist der Trend zu mehr Achtsamkeit nur allzu verständlich. „Es ist eine Gegenbewegung zu der digitalen Verdichtung und Beschleunigung“, sagt er. „Durch die ständige Gleichzeitigkeit und Auflösung von Distanz, die die digitale Welt mit sich bringt, werden wir wortwörtlich ver-rückt.“ Sicher, sagt er, habe es schon in den 70er Jahren die Hippie-Bewegung und in den 90ern New Age als seelisches Ausschwingen gegeben, doch jetzt habe die Idee von mehr Selbstachtung und Bewusstheit die Mitte der Hochleistungsgesellschaft erreicht. Dort, wo Stress und Depressionen ein Strukturmerkmal sind.